„Erinnern – Erzählen – Lernen“: Ein Lernmaterial zu ZeitzeugInnen und ihren Erzählungen in Vergangenheit und Gegenwart

Bald wird es keine lebenden ZeitzeugInnen der NS-Verbrechen mehr geben. Was bleibt, sind ihre Erinnerungen in Büchern, in historischen Filmdokumentationen, in Bildungsprojekten oder Ausstellungen. Diese Unterrichtsmaterialien beschäftigen sich mit der Frage, wie die Gesellschaft mit ihrem Vermächtnis verantwortungsvoll umgehen kann. Die Materialien wurden im Rahmen der Ausstellung „Ende der Zeitzeugenschaft?“ entwickelt, die vom 27. Jänner bis zum 3. September 2023 im Haus der Geschichte Österreich zu sehen ist. Einsetzbar sind die Materialien sowohl in Zusammenhang mit einem Ausstellungsbesuch wie auch unabhängig davon.

Die Unterrichtseinheit nimmt zwei Erzählungen von Holocaust-Überlebenden in den Blick. In Video-Interviews sprechen sie darüber, wie sie die NS-Zeit im Versteck und durch Flucht überleben konnten. Die SchülerInnen lernen die Menschen genauer kennen und gehen der Frage nach, wie ein verantwortungsvoller gesellschaftlicher Umgang mit dem Vermächtnis der Überlebenden aussehen kann. In zwei unterschiedlichen Schwerpunkten machen sie sich ein Bild vom Entstehungshintergrund der Erzählungen und vom Wandel ihrer Funktion seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Anhand der Arbeitsimpulse üben die SchülerInnen methodische Kompetenzen, die für die Beschäftigung mit Geschichte im Allgemeinen und mit Video-Interviews im Besonderen wichtig sind. Einsetzbar sind die Unterrichtmaterialien mit Jugendlichen ab der 8. Schulstufe. Sie knüpfen an die Ausstellung „Ende der Zeitzeugenschaft?“ im Haus der Geschichte Österreich an, können aber auch gänzlich unabhängig von einem Ausstellungsbesuch im Schulunterricht eingesetzt werden. Die Materialien können flexibel für eine Umfang von 2 bis 10 Unterrichtseinheiten angewandt werden. Alle Bezüge zum aktuellen Lehrplan finden Sie direkt in der Einleitung des Materials, die ebenso einen Einblick in die methodischen und didaktischen Überlegungen gibt.

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Unterrichtsmaterial „Erinnern – Erzählen – Lernen: Zeitzeug*innen und ihre Erzählungen in Vergangenheit und Gegenwart“

Zwei Lebensgeschichten im Zentrum

Im Mittelpunkt der Unterrichtseinheit stehen die Lebensgeschichten von Lucia Heilman und Dorli Neale. Geboren in der Zwischenkriegszeit, wuchsen sie in Wien und Innsbruck auf. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme war ihr Leben aufgrund ihrer jüdischen Herkunft bedroht. Lucia Heilman überlebte den Holocaust mit ihrer Mutter im Untergrund. Reinhold Duschka, ein Kunsthandwerker und Freund der Familie, versteckte sie in seiner Werkstätte in Wien. Dorli Neale gelang nach dem Novemberpogrom 1938 die Flucht aus Österreich. Großbritannien lockerte angesichts der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung durch das NS-Regime seine Einreisebestimmungen und erklärte sich bereit, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aufzunehmen. Nach einem Zwischenstopp in Wien kam sie mit einem Kindertransport nach London. Beide waren bereit, ihre Erfahrungen mit der Öffentlichkeit zu teilen. Bereits in den 1990er Jahren gaben sie der USC Shoah Foundation ein Interview und engagierten sich in der Folgezeit als Zeitzeuginnen in der Bildungsarbeit. Dorli Neale starb 2016 in London, sie besuchte zwar ihr Geburtsland öfter, kehrte aber nicht dauerhaft zurück. Lucia Heilman lebt 2023 in Graz.


Lucia Heilman, ist eine der ZeitzeugInnen, deren Lebensgeschichten im Unterrichtsmaterial behandelt werden.
Dabei vergleichen die SchülerInnen auch Interviews mit Frau Heilman, die 16 Jahre auseinanderliegen.

Erinnerung – Gestaltung – Gemachtheit – Verantwortung

Bei der Bearbeitung des Lernmaterials beschäftigten sich die Schülerinnen und Schüler mit vier thematischen Schwerpunkten: Zunächst sensibilisiert sie der Schwerpunkt „Erinnerung" für die Herausforderung, die es bedeutet, eigene Erinnerungen zu aktivieren: Was heißte es beispielsweise, ein ganz konkretes Schulerlebnis, das schon Jahre zurückliegt, zu rekonstruieren? Daran anschließend beschäftigen sich die Jugendlichen damit, eine konkrete Erinnerung mündlich zu teilen, ihr Zeugnis zu gestalten, wobei sie sich auch selbst in den unterschiedlichen Rollen als Fragende, Zuhörende und Erzählende wahrnehmen und reflektieren. Im dritten Teil setzen sich die SchülerInnen schließlich mit der „Gemachtheit“ eines Interviews sowie der unterschiedlichen Wirkung der Medien „Text“, „Audio“ und „Video“ auseinander und erfahren, dass ein Interview nur einen ausgewählten Einblick in das Leben der ProtagonistInnen bietet. Der Abschluss „Verantwortung“ fragt nach dem Vermächtnis der im Unterricht behandelten Erzählungen und bietet Raum zur Reflexion eigener Erinnerungen, Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Unterrichtseinheit.

Vertiefungsmöglichkeit

Das Vertiefungsmaterial „Erzählung“ begleitet die Durchführung eines eigenen Projekts zur Erinnerung an den Holocaust. Zunächst lernen die SchülerInnen unterschiedliche Erinnerungszeichen kennen. Bei ihrem eigenen Projekt sollten sie selbst wählen können, für welche Person und Erinnerungsform sie sich entscheiden. Die Auswahl der Erinnerungsprojekte kann bei Bedarf ergänzt werden und ist als Ideengeber gedacht.

 

Online-Archive und Lernwebsites von ERINNERN:AT

Heute existieren hunderttausende aufgenommene Interviews mit ZeitzeugInnen. Viele dieser Erzählungen sind in Online-Archiven abrufbar und für die Bildungsarbeit, die Forschung und die interessierte Öffentlichkeit zugänglich. Das vorliegende Unterrichtsmaterial arbeitet mit Interviews aus dem Online-Archiv „weiter_erzählen“ von ERINNERN:AT. Diese Sammlung stellt weit über 200 ZeitzeugInnen-Quellen online zur Verfügung. Die Interviews sind verschlagwortet, verschiedenen Themen und Orten zugeordnet und leicht durchsuchbar. Zusätzlich arbeitet die Unterrichtseinheit mit den Lernwebsites „alte-neue-heimat.at“ und „ueber-leben.at“ von ERINNERN:AT.

 

Die neuen Lernmaterialien knüpfen an die Ausstellung "Ende der Zeitzeugenschaft" an, die bis zum 3. September 2023 im Haus der Geschichte Österreich zu sehen ist (Foto: Lorenz Paulus / hdgö).

Besuch der Ausstellung „Ende der Zeitzeugenschaf?“

Die Ausstellung „Ende der Zeitzeugenschaft?“ die ab dem 27. Januar 2023 bis 3. September 2023 im Haus der Geschichte Österreich zu sehen ist, erkundet die komplexe Beziehung zwischen ZeitzeugInnen und InterviewerInnen. Sie hinterfragt die „Gemachtheit“ der ZeitzeugInneninterviews und deutet verschiedene Formen erzählter Erinnerung und ihre gesellschaftliche Rolle seit 1945 vor dem Hintergrund der aktuellen Veränderungen nicht nur neu, sondern thematisiert auch Ansätze zu einem zukünftigen, reflektierten Umgang mit Zeugnissen. Die vorliegenden Lernmaterialien knüpfen an die Ausstellung an und können sowohl zur Vor- bzw. Nachbereitung der Ausstellung im Haus der Geschichte zum Einsatz kommen, wie auch unabhängig davon im Unterricht behandelt werden.

Außerdem bietet das Haus der Geschichte Österreich Themenworkshops, Veranstaltungen, Angebote für Schulen und individuelle Führungen zur Ausstellung an: Link

 

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Die vorliegenden Unterrichtsmaterialien entstanden im Rahmen einer Kooperation von: hdgö, OeAD-Programm ERINNERN:AT, PH Tirol und dem Jüdischen Museum Hohenems.

AutorInnen: Irmgard Bibermann, Christian Mathies

Redaktion: Eva Meran

Lektorat: Julia Teresa Friehs

Grafik: zunder zwo

Für die Mit- und Zusammenarbeit bedanken wir uns bei Julia Demmer, Victoria Kumar, Anika Reichwald, Horst Schreiber und Patrick Siegele.